Am 1. August 2017 ist am Berliner Großbahnhof Südkreuz ein Feldversuch zur automatisierten Gesichtserkennung gestartet. Bundesinnenministerium, Bundespolizei, Bundeskriminalamt und Deutsche Bahn testen sechs Monate lang verschiedene Softwaresysteme, die – angeschlossen an drei Videoüberwachungskameras – die Gesichter von Passanten erfassen, biometrisch auswerten und mit einer polizeilichen Datenbank abgleichen. Später soll in einer zweiten Testphase erprobt werden, wie gut das System „Gefahrensituationen“ selbstständig erkennt.

Für die erste Phase haben sich Behördenangaben zufolge rund 300 Freiwillige, die den Bahnhof regelmäßig z.B. als Pendler nutzen, gemeldet und ihre Gesichtsdaten in einer Testdatenbank hinterlegt. Die Software hinter den Kameras vergleicht sämtliche Gesichter aller Passanten mit denen aus der Datenbank. Bei einer hochwahrscheinlichen Übereinstimmung schlägt das System Alarm. Zur Kontrolle tragen die Probanden einen kleinen Sender bei sich, der der Software mitteilt, wann sie den Testbereich betreten und wieder verlassen. Mit diesem Hilfsmittel können die Entwickler ihre Erkennungsalgorithmen nach und nach schärfen und die Trefferquoten verbessern.

„Ich hoffe und wünsche sehr, dass der Test erfolgreich läuft“, sagt Marian Wendt von der CDU, der als Bundestagsabgeordneter auch Mitglied des Innenausschusses ist. „Dann können wir ab März deutschlandweit diese Systeme installieren und damit mehr gegen Terrorismus und Gefährdung tun.“

Das sei zu kurz gedacht, findet Konstantin von Notz, der als Bundestagsabgeordneter der Grünen ebenfalls im Innenausschuss sitzt. Von Notz vermisst bei dem Feldversuch jegliche rechtliche Grundlage und kritisiert das Vorhaben scharf. „Diese biometrische Erfassung von Menschen im öffentlichen Raum trägt totalitäre Züge, weil sie es praktisch möglich macht, Anonymität im öffentlichen Raum zu stoppen.“ Er fordert den Abbruch des Projektes, denn „die Freiheit, sich unbefangen und unbeobachtet zu bewegen, wird durch diese Technik in Frage gestellt.“

Genauso kritisch bewertet Benjamin Kees das Überwachungsprojekt. Der Diplom-Informatiker hat umfassend zu dem Thema „automatisierte Videoüberwachung“ geforscht und keine wissenschaftlichen Studien gefunden, die „tatsächlich beweisen, dass dieser präventive Effekt von Videoüberwachung wirklich signifikant da ist.“ Ständig das Gefühl zu haben auf dem Präsentierteller zu sein, werde zu einem angepassten Verhalten führen. „Das wird das Klima verändern, wie wir uns durch die Stadt bewegen.“

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